David (4)

Seit sieben Monaten lebe ich nun in den Vereinigten Staaten – im sehr ausgestreckten 880-Seelen-Ort Clifton, Maine, um genauer zu sein. Grosse Teile von Clifton sind Wald oder Wasser. Die Wälder hier sind prächtig; Maine ist eher ein grosser Wald, unterbrochen von Ortschaften, als Ortschaften, unterbrochen von Wald, wie es in der Schweiz der Fall ist. Im Herbst verfärben sich die Bäume in ausgeprägte Rot- und Gelbtöne. Ich habe das Glück, gerade an einem kleinen See zu leben. Parks Pond, der Name jenes Sees, bietet Abkühlung im sehr heissen Sommer und friert im äussert kalten Winter hier zu.

Meine High School befindet sich etwa 25 Fahrtminuten von meinem Zuhause entfernt. Der Weg dorthin unternehmen mein Gastbruder und ich jeden Tag im Auto. Ohne Auto geht hier nichts, öffentliche Verkehrsmittel gibt es überhaupt nicht. Und ein einziges Auto scheint hier vielen Leuten nicht genug zu sein: Meine Gastfamilie besitzt stolze sieben Fahrzeuge, wobei drei oder vier davon meinem Gastvater bei der Arbeit dienen.

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In den sieben Monaten hier sind mir einige Dinge bewusst geworden. Obwohl ich bereits ahnte, dass die Vereinigten Staaten mehr sind als bloss Hamburger und Coca Cola, richtig bewusst geworden ist mir dies erst hier.

Ein Vorurteil, dass viele den Amerikanern gegenüber haben, ist, dass die Leute in den Vereinigten Staaten nicht so viel wissen und nicht sonderlich gescheit sind. Das trifft allerdings nur zum Teil zu. Ich habe viele Leute kennen gelernt, die sehr gescheit sind. Im Grossen und Ganzen denke ich, dass sich die Leute hier schlicht weniger um die Aussenwelt kümmern und es deshalb nicht als nötig betrachten, mehr Wissen anzureichern.
Oftmals sind die Menschen hier sehr herzlich. Als ich hier ankam, im August 2015, wurde ich mit offenen Armen empfangen. Meine Gastfamilie hat mich von Tag 1 weg als Mitglied der Familie behandelt. Ich habe mich, seit ich hier angekommen bin, schon wohlgefühlt.

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Viele Leute hier fragen mich, ob ich Heimweh habe. Es wäre verständlich, immerhin habe ich meine Freunde und Familie seit sieben Monaten nicht gesehen. Die einzige Zeit jedoch, in der ich manchmal Heimweh hatte, war während meines ersten Monats. Sobald die Schule begann und ich beschäftigt war, hatte ich keine Zeit mehr, um über Zuhause nach zu denken. Ich habe festgestellt, dass die Momente, in denen ich Heimweh bin, jene sind, in denen ich alleine bin oder mich langweile. Und oft ist es nicht Heimweh, sondern eine Sehnsucht nach dem Essen, dem eigenen Bett oder einem Wort in Schweizerdeutsch. Und in meinem Fall auch die Sehnsucht, wieder einmal mit unserem Hund spazieren gehen zu können.

Obwohl es manchmal sehr schwer sein kann, für zehn Monate in einem anderen Land zu leben, denke ich, dass es all die Schwierigkeiten und Herausforderungen wert sind. Ich habe so viel gelernt, nicht nur über Amerika, sondern auch über mich selbst. Ich habe so viele wundervolle Menschen angetroffen und ich habe Freunde, die über den gesamten Globus verstreut leben. Ich denke, dass jeder von einem Auslandsjahr profitieren kann!