Das AFS-Team verabschiedet sich von Zineb Benkhelifa. Christine Leimgruber ist ehemalige AFS-Geschäftsführerin, leitet heute unseren Dachverband Intermundo und ist eine Wegbegleiterin von Zineb. Wir danken Christine für ihre Worte zum Abschied.
Alle haben sie gekannt und sie hatte einen unfassbar grossen Bekannten- und Freundeskreis. Sie, das ist unsere ehemalige AFS-Arbeitskollegin und Freundin Zineb. Am 26. Dezember 2025 ist sie nach kurzer, schwerer Krankheit verstorben. Zahlreiche AFSer:innen haben am 21. Januar für immer von ihr Abschiedgenommen. Ihr wacher Geist, ihr Interesse an Menschen jeglicher Herkunft, ihr unschlagbarer Humor und ihre Lebensfreude und Lebensmut bleiben unvergessen. Die Lücke, die Zineb hinterlässt, ist wahnsinnig gross, ihr Fehlen tut weh!
Die persönliche Austauscherfahrung
Zineb dürfte als jüngste Austauschschülerin in die Geschichte eingehen: Als 5-jähriges Mädchen mit Polio kam sie 1971 aus der südalgerischen Wüstenstadt Ghardaia zu ihrer Gastfamilie in den Kanton Thurgau. Die Gastfamilie wurde zu ihrer Pflegefamilie und sie verbrachte den Rest ihrer Kindheit und Jugend in der Ostschweiz. Zurück in der Sahara liess sie ihre Eltern, neun Geschwister und eine grosse Verwandtschaft. Wie sie 2023 selbst im «Altstadt Kurier» der Stadt Zürich schrieb, hatte sie kein Heimweh und in die Wüste wollte sie auch nicht mehr geschickt werden. Aber, sie blieb ihrer Familie in Algerien ein Leben lang verbunden, hat sie regelmässig besucht und in Ghardaia auch die letzte Ruhe gefunden.
Die Grasshoppers und die SKA
Nach der Lehre zog es Zineb nach Zürich. Nicht etwa, weil sie die Stadt so attraktiv fand, sondern weil sie als grosser Fan der Grasshoppers in der Stadt ihres Lieblingsclubs leben wollte. Nach eigenen Aussagen kannte sie in Zürich damals nur den Hardturm. Sie fand im Kreis 3 eine Wohnung und bei der SKA (später CreditSuisse) eine Anstellung im Marketing. Und dort habe ich Zineb Mitte der 80-er Jahre kennengelernt – es war der Anfang einer wunderbaren Freundschaft. Die Bank war die Bank. Es war nie unser Ziel, bei einer Grossbank zu arbeiten. Aber wir waren umgeben von ganz tollen Menschen, hatten sehr wertschätzende Vorgesetzte und haben beide enorm viel gelernt und erlebt. Es waren andere Zeiten, auch in der Bankenwelt. Aus den Bekanntschaften bei der Bank ist letztlich ein Verein von Ehemaligen geworden, der sich bis heute ab und zu trifft. Auch da hinterlässt Zineb eine grosse Lücke.
Zineb und der AFS
Ich habe die Bank vor Zineb verlassen und wurde Anfang 1991 Geschäftsleiterin von AFS. Bei einem unserer Treffen hat sie mich gefragt, ob ich eine Stelle für sie hätte. Und ja, AFS hatte eine Stelle für Zineb: ab Mitte 1991 war sie Sending-Koordinatorin! Ihr eigener Austausch dauerte bis dahin bereits viele Jahre und sie hat es geliebt, Jugendliche, die in alle Welt ausschwärten, zu beraten und zu betreuen. Sie war eine Meisterin darin, Volunteers zu begeistern für Arbeiten aller Art. Ihre Kreativität stand auch am Ursprung einer intensiven Wachstumsphase von AFS. Ein Beispiel aus dem Alltag: Es war Zeit, die Rechnung für den Mitgliederbeitrag zu verschicken. Und es war klar, dass wir hier, ohne Hilfe einer Werbeagentur, etwas schaffen mussten, das den AFS-Mitgliedern «das Geld aus dem Portemonnaie» zog. Nun, ich habe erwähnt, dass Zineb und ich im Marketing der SKA viel gelernt hatten und so war Zineb letztlich mitverantwortlich für das erste Mitgliedermailing von AFS – sie lieferte eine witzige Zeichnung, ich den Text. Das Ganze kam auf rotem Papier daher und ja, die Mitgliederzahlungen wurden im grossen Stil geleistet. Es war ein «Zineb-Moment», wie es viele davon gab.
Ich war extrem glücklich, dass wir bald vom Rennweg an die Löwenstrasse zügeln durften. Zwar gab es auch an der Löwenstrasse keinen Lift, aber immerhin eine gute Treppe und wir waren im 1. Stock. Am Rennweg waren wir im 3. Stock, ohne Lift und mit einer vollkommen ausgetretenen, spiralförmigen und gefährlichen Holztreppe. Heute ist es mir ein Rätsel, wie Zineb diese Treppe teilweise 4-mal täglich an Krücken überwunden hat.
Musik und Jassen
Zineb war ungemein musikalisch und es gibt kaum ein Blasinstrument, das sie nicht beherrschte. Sie hat in vielen Formationen gespielt, unter anderem während 10 Jahren in einer Badener Guggenmusik. Kaum bei AFS angestellt, hat sie angekündigt, dass die Fasnacht für sie eine heilige Zeit sei und sie dann jeweils Ferien machen würde. Als Saxophonistin war sie mit ihrer Gugge regelmässig an der Luzerner Fasnacht, aber auch an der Fasnacht in Baden, Zürich und anderen Orten. Und das mit Polio!
Zineb hat man nicht nur an Jazzkonzerten angetroffen, sondern auch an Jassturnieren, wo sie ab und zu Preise abgesahnt hat. Bis zu ihrer schweren Erkrankung hat sie regelmässig mit Freundinnen und Freunden, in verschiedenen Gruppen gejasst.
Aus- und Weiterbildung, neue Berufsfelder
1996 hat Zineb AFS verlassen. Nach dem Erlangen der Erwachsenenmatur studierte sie an der Uni Zürich von 2003 bis 2011 Arabisch, Türkisch und Persisch sowie Musikethnologie. Parallel dazu arbeitete sie bei verschiedenen NGOs, Verbänden und an der Uni. Ab 2017 war sie Beauftragte der Stadtpräsidentin von Zürich für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen. Daneben lektorierte sie wissenschaftliche Arbeiten und übersetzte Poesie vom Arabischen ins Deutsche.
Umzug in die Altstadt von Zürich
2021 erfüllte sich für Zineb ein lang ersehnter Wunsch: sie fand eine Wohnung am Neumarkt in der Altstadt von Zürich und ist umgezogen. Ihre Lieblingslokale, z.B. die «Bodega» oder die «Bar» am Predigerplatz waren nur noch ein Katzensprung von ihrer Wohnung entfernt.
Ciao Zineb
Im Februar 2025 hat Zineb eine neue Schulter erhalten, was mit ihrer Polio-Erkrankung absehbar war. Das Gehen mit zwei Krücken hat ihre Schultergelenke stark belastet. Während der Reha in Nottwil erlitt sie einen epileptischen Anfall. Da diagnostizierten die Ärzte einen sehr aggressiven Hirntumor, der sich als inoperabel darstellte. Am 26. Dezember ist sie für immer eingeschlafen. Zineb hinterlässt ihren Lebenspartner, ihre Mutter und Geschwister in Algerien und der Schweiz, ihre Pflegefamilie und ganz viele Freundinnen und Freunde.

